Umgang mit Trauer
Trauer hat viele Gesichter – und keines davon ist falsch
Ich bin Trauerrednerin und ich habe noch nie auf einer Beerdigung geweint. Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht daran erinnern, schon jemals aus Trauer geweint zu haben. Und das ist in Ordnung, denn wir alle gehen anders um mit unseren Gefühlen – ganz besonders mit unserer Trauer.
Wenn ich weine, dann aus Wut, aus Ohnmacht, aus Überwältigung, Angst oder aus Freude. Und ja, auch diese Gefühle überwältigen mich regelmässig auf Beerdigungen. Ich bin wütend, weil meine Freundin viel zu früh gestorben ist. Es macht mich ohnmächtig zu sehen, was der Tod meiner Tante mit meinem Cousin und seinen Beziehungen gemacht hat. Es überwältigt und überfordert mich, zu wissen, dass mein Opa mich nie mehr auf die Wange küssen wird und dass mit seinem Tod der Tod statistisch gesehen direkt bei der Generation meiner Eltern und definitiv auch näher zu mir gerückt ist. Und ja, manchmal weine ich aus Angst vor meinem eigenen Tod. Und ich weine aus Freude – über all die schönen Momente, die ich mit den Menschen, die mein Leben berührt haben oder noch immer Teil davon sind, geteilt habe. Wenn ich Weine, dann vor oder nach der Zeremonie - irgendwann alleine für mich.
Ist meine Trauer richtig?
Wie oft haben wir Angst, uns an gesellschaftlichen Ereignissen wie eben einer Beerdigung „falsch“ zu verhalten. Bin ich richtig gekleidet? Sind meine Haare in Ordnung? Darf ich überhaupt hier sein? Was sage ich, wenn ich die Witwe grüsse? Was sage ich dem Sohn? Und wie begegne ich der Person, der ich heute eigentlich lieber nicht begegnen möchte? Bin ich traurig genug? Können die anderen Menschen meine Trauer erkennen? Und darf ich überhaupt hier sein?
Ja. Wenn du dir bewusst die Zeit nehmen möchtest, dich von einem Menschen, der dich und dein Leben berührt hat, zu verabschieden, dann bist du auf dieser Beerdigung genau richtig. Einzig wichtig finde ich die Frage nach der Demut: Gehst du für den Menschen, den du verabschieden möchtest, dessen Tod du betrauerst? Gehst du zur Beerdigung, um die anderen Angehörigen zu sehen, damit ihr euch gegenseitig halten und Trost spenden könnt? Dann gehörst du auf diese Beerdigung. Dann ist es egal, ob und wie viel du weinst oder wie du deiner Trauer Ausdruck verleihst – wichtig ist nur, dass du da bist: in dem Moment, bei dir und den Menschen, die diesen Moment mit dir teilen.
Eine Beerdigung ist das echte Leben und keine Show – und sie ist auch nicht dafür da, dich oder deine Trauer in einer kuratierten Form zu präsentieren. Was natürlich nicht bedeutet, dass du an einer Beerdigung nicht Trauer zeigen darfst, aber wie ich oben schon geschrieben habe: Bleibe bei dir, bleibe im Moment, versuche zu sein, ohne zu formen oder zu kuratieren.
Wie sich Trauer äussert
Trauer ist eine ganz natürliche Reaktion von uns Menschen (und übrigens auch von Tieren) auf Verlust. Sei es der Verlust eines geliebten Menschen, eines Haustiers, einer Liebe, eines Jobs, einer Chance oder auch nur eines Lieblingspullis – was wir lieben, können wir verlieren, und das löst in uns Trauer aus. Manche Menschen weinen, und manche nicht – wie ich zum Beispiel. So gibt es ganz unterschiedliche Arten, wie unsere Körper und unsere Seelen auf Verlust reagieren.
1. Emotionale Symptome
Du fühlst dich leer und hoffnungslos, vielleicht auch gelähmt. Du hast Schuldgefühle, vielleicht wegen eines Streits, weil etwas nicht gesagt wurde oder du den Menschen schon länger nicht mehr gesehen hast. Du fühlst dich leer, denn dieser Mensch hat in deinem Leben und deinem Herzen eine Lücke zurückgelassen – es ist ganz normal, dass du diese jetzt fühlen kannst. Du verspürst Sehnsucht. Vielleicht bist du auch wütend auf das Leben, die Umstände, die Krankheit... Du hast Angst vor dem, was jetzt kommt, oder bist verzweifelt. Alle diese Gefühle sind normal – egal, ob Weinen bei dir davon ein Ausdruck ist oder nicht.
2. Körperliche Beschwerden
Auch für den Körper bedeutet Trauer einen extremen Stress.
Magen-Darm-Trakt: Es kann sein, dass sich dein Appetit verändert, du gar keinen Appetit oder gar Heisshungerattacken hast. Vielleicht spürst du auch ein ganz leeres Gefühl in deinem Magen.
Herz und Atmung: Das kenne ich selber nur zu gut! Trauer kann auch bei dir das Gefühl von einem dicken Kloss im Hals auslösen oder dafür sorgen, dass sich deine Brust ganz eng anfühlt, so dass du vielleicht kaum mehr atmen kannst. Auch das ist normal. In extremen Fällen kann es sogar zu einem Broken-Heart-Syndrom kommen.
Erschöpfung: Auch extreme Müdigkeit, Schmerzen in den Gliedern und Schlafstörungen sind ganz normal während der Trauer.
Nervensystem: Vielleicht hast du schon einmal vom „Trauerhirn“ gehört. Du wirst vergesslich, hast Wortfindungsstörungen, kannst dich schlechter konzentrieren, empfindest das Gefühl von „Nebel im Kopf“ oder geistiger Abwesenheit. Das ist eine natürliche neurologische Reaktion auf deinen Ausnahmezustand.
Alle diese körperlichen und emotionalen Reaktionen können ein Teil deiner Trauer sein. Alles darf und nichts muss.
3. Veränderungen im Verhalten
Vielleicht veränderst du auch dein soziales Verhalten. Du möchtest dich zurückziehen? Stürzt dich am liebsten direkt wieder in die Arbeit und schiebst die Trauer ganz weit weg? Vielleicht suchst du gerade besonders viel Nähe zu den Menschen, die noch in deinem Leben sind oder zu der verstorbenen Person und sprichst so weiter mit ihr.
Wichtig: beobachte dich und deine Trauer gut und hole dir rechtzeitig professionelle Hilfe!
Was dir bei Trauer helfen kann
Das fällt dir während der Trauer vielleicht besonders schwer, aber es ist wichtig, dass du dich selber nicht aus den Augen verlierst. Darum:
Trinke!
Gerade wenn du viel weinst, ist es wichtig, dass du auch viel trinkst, damit der Körper nicht zu viel Flüssigkeit verliert und dein Stoffwechsel in Schwung bleibt. Um deinen Körper nach dem Weinen wieder mit Elektrolyten zu versorgen, kannst du gerne auch ab und zu eine leichte Bouillon oder eine Saftschorle trinken (letztere am besten mit einer Prise Salz). Wasser hilft deinem Körper auch, vom Stress zu regenerieren und Stresshormone wie Cortisol besser zu verarbeiten. Zudem kannst du daraus ein kleines Ritual machen: Ein Glas Wasser oder eine Tasse Tee kann ein kleiner, bewusster Moment der Zuwendung an dich selbst sein.
Achte auf deine Ernährung!
Ausgiebig zu kochen kann in der Trauerphase anstrengend sein. Such dir drei oder sieben einfache Rezepte mit wenigen Zutaten und viel Gemüse raus, die du schnell zubereiten kannst. Richte dich so ein, wie du gut mit deiner Energie klarkommst. (Für die schnelle Küche mag ich persönlich folgendes Kochbuch sehr: [Titel hier einfügen]).
Strukturiere deine Trauer
Du darfst traurig sein und du darfst glücklich sein. Beides gleichzeitig, am gleichen Tag und während deiner Trauerphase. Du darfst dir bewusst Pausen von der Trauer einbauen, feiern gehen, andere Menschen geniessen und auch einfach mal laut lachen. Und es ist auch in Ordnung, wenn du einen Moment später schluchzen musst – Trauer ist vielseitig und nicht linear.
Vielleicht hilft es dir, zu Hause einen kleinen Altar aufzubauen, ein Foto von der Person aufzustellen, eine Kerze anzuzünden und diesen Ort bewusst zum Trauern aufzusuchen. In meiner Wohnung hängen mehrere Fotos von verstorbenen Menschen. Sie helfen mir, sie präsent zu halten, auch wenn ich nicht mehr so traurig bin wie direkt nach ihrem Tod. Das Foto meines Opas ist unterdessen sogar überdeckt von Fotos von den Babys meiner Freundinnen – auch das darf sein!
triff keine grossen Entscheidungen
Dein Leben steht gerade Kopf, warte deshalb lieber mit grossen, lebensverändernden Entscheidungen wie einer Kündigung oder einem Umzug... Das hat Zeit. Du musst jetzt nichts überstürzen.
Such Hilfe und grenze dich ab
Du bist nicht alleine. Es gibt andere Menschen, Trauergruppen und professionelle Trauerbegleiter*innen – nimm diese Hilfe in Anspruch. Es kann aber auch sein, dass dir die Hilfe von allen anderen gerade zu viel ist – auch das darf sein! Es lohnt sich, für dich einzustehen und klar zu kommunizieren, wenn du gerade einen Moment für dich alleine brauchst.
Führe ein Trauertagebuch
Ich habe das weiter oben schon erwähnt: führe ein Trauertagebuch! Schreibe jeden Tag auf, wie du dich gerade fühlst und wie sich deine Trauer äussert. Hattest du körperliche Beschwerden? Oder war deine Trauer heute eher emotional? Was hat dir geholfen? Was hast du für dich getan? Beobachte dich und deine Trauer gut – so kannst du rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, falls du über 6 Monate hinweg keine Tendenz zur Verbesserung erkennen kannst.