Erinnerungen: Wie wir ein ganzes Leben in einer Abschiedsrede einfangen
Wer kennt es nicht? Wir sitzen zusammen – Menschen, die sich schon lange kennen. Wir sprechen über dieselbe Geschichte, doch wir alle erzählen sie ein wenig anders. Wir alle haben unsere eigene Perspektive, wir alle formen unsere Erinnerungen über die Jahre und vermischen sie mit neuen Geschichten.
Solange wir leben, mag das keine Bedeutung haben, schliesslich können wir uns darüber unterhalten, hadern und vielleicht sogar streiten.
Aber was ist, wenn jemand von uns gestorben ist? Wie erzählen wir seine oder ihre Geschichte an der Abschiedsfeier? Was ist aus unserer Erinnerung tatsächlich passiert? Was, wenn sich nicht alle gleich erinnern? Wie können wir dieses volle, gelebte Leben und seine Geschichten würdigen?
Das Erzählen des Lebenslaufes bedeutet für viele Hinterbliebene eine grosse Herausforderung. Mit meiner Erfahrung als Trauerrednerin möchte ich dir dabei helfen, diese Erinnerungen zu sammeln, zu sortieren und am Ende vielleicht sogar selbst zu erzählen.
1. Erinnerungen sammeln
Erst einmal müssen die Erinnerungen zusammengetragen werden. Setzt euch gemeinsam an einen Tisch – vielleicht schon mit einer Trauerrednerin oder einem Pastor – und erzählt euch die Geschichten dieses vergangenen Lebens.
In einem meiner nächsten Blogposts werde ich euch eine ausführliche Fragenliste zur Verfügung stellen, die ihr euch in der Familie stellen könnt. Wenn die Erinnerungen später von einer professionellen Person (wie mir als Trauerrednerin) präsentiert werden und diese bereits mit euch am Tisch sitzt, könnt ihr euch vollkommen auf sie verlassen. Sie ist auf eure Geschichten vorbereitet und bringt Fragen mit, an denen ihr euch festhalten könnt.
Hier ist schon einmal ein kleiner Ausschnitt der Fragen, die ihr euch gegenseitig stellen könnt:
Woher kam dieser Mensch?
Was hat ihn geprägt?
Was war ihm besonders wichtig?
Worauf war er stolz?
Was war seine Vorstellung davon, was nach dem Tod mit ihm passiert?
Schreibt diese Geschichten einfach auf. Dafür eignen sich lose Zettel, ein Notizbuch oder ganz unkompliziert ein Word-Dokument auf dem Computer.
Was, wenn sich Geschichten widersprechen?
Wie weiter oben schon erwähnt, ist das ganz normal. Wir Menschen haben unglaublich viele Facetten. Nicht allen Personen, denen wir im Leben begegnen, zeigen wir dieselbe Seite.
Für manche sind wir die strenge Mutter, für andere das wilde Kind oder die liebende Oma. Für die Arbeitskollegen die inspirierte Persönlichkeit, für die Nachbarinnen diejenige, die immer auf dem Balkon sang und Zeitung las – und für die Leute im Verein vielleicht die, die immer zu spät kam. Genau so blickst auch du gemeinsam mit den anderen Hinterbliebenen auf den Menschen, der verstorben ist.
Da sind so viele Geschichten, so viele Facetten, die dieser Mensch euch gezeigt hat. Auf den ersten Blick widersprechen sich einige davon. Wenn ihr aber genauer hinschaut, erkennt ihr: Die Person, die ihr verabschiedet, konnte eben alles davon sein. Sie hat sich verändert, sie hatte Launen – und genau das zeigt, dass sie intensiv gelebt hat.
Wenn Geschichten und Wahrnehmungen voneinander abweichen, ist das kein Problem, sondern ein Geschenk. Du hast jetzt die Möglichkeit, deine Mutter, deinen Opa oder deine Freundin noch einmal auf eine ganz neue Art und Weise kennenzulernen. Auf eine Weise, wie sie sich vielleicht nur anderen gezeigt hat und die dir sonst verborgen geblieben wäre.
2. Geschichten sortieren
Wenn ihr die Geschichten gesammelt habt, geht es an das Sortieren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Hier sind vier Vorschläge, wie du vorgehen könntest:
4 Methoden zur Aufbereitung eines Lebenslaufs:
Chronologisch
Du kannst die Geschichten für die Abschiedszeremonie von der Geburt bis zum Tod chronologisch sortieren und so vortragen. Das ist die klassische Form, die wir alle von Beerdigungen älterer Menschen kennen: der traditionelle Lebenslauf.
Geschichte in Lebensthemen
Ihr könnt gemeinsam die wichtigsten Stichworte sammeln und die Geschichten thematisch zuordnen.
Beispiel „Weltenbummler“: Hier erzählt ihr von den Reisen, die die verstorbene Person gemacht hat.
Beispiel „Familienmensch“: Hier fliessen die Geschichten aus der Kindheit und der eigenen Familie ein.
Beispiel „Perfektionistin“: Hier ist Platz für Anekdoten aus der Arbeitswelt.
Ich bin sicher, euch fallen schnell die passenden Begriffe ein, die den Kern des Menschen treffen.
Geschichte in Gegenständen
Das ist ein Ansatz, den ich in meiner Arbeit besonders gerne nutze. Anhand der Geschichten, die mir erzählt werden, frage ich nach physischen Gegenständen, die das Leben des Menschen symbolisieren. Das kann die Lieblings-CD sein, das Kleid, das Oma immer getragen hat, oder die kleinen Babyschuhe, die der Vater damals voller Stolz gekauft hat. Diese Gegenstände helfen mir, mich während der Zeremonie an der Geschichte festzuhalten. Auch der Trauergemeinde geben sie etwas Konkretes, worauf sie ihren Blick richten können.
Erinnerungen als Fluss
Wenn ich Abschiedszeremonien gestalte, treffe ich auf Erzählungen von Menschen, denen ich zu Lebzeiten nie begegnet bin. Meistens ist es eine bunte Sammlung von Anekdoten, die mir komplett durcheinander erzählt werden und in die ich erst einmal Ordnung bringen darf.
Beim Erinnerungsfluss gibt es zwar eine grobe Richtung (von der Kindheit zum Alter), aber der rote Faden wird durch Gefühle, Stimmungen und Themen gehalten – nicht durch exakte Jahreszahlen, so fliessen die Geschichten fliessen organisch ineinander über.
Was passiert mit negativen Erinnerungen?
Auch schwierige Phasen und Eigenschaften dürfen erzählt werden. Bei einer Abschiedsfeier geht es nicht darum, dass verstorbene Person heiligsprochen wird, sondern ihr echtes Leben zu würdigen. So wie wir Lebenden nicht perfekt sind, so waren es auch die Verstorbenen nicht.
Die Ecken und Kanten der Person, die wir verabschieden, dürfen bei der Zeremonie auf jeden Fall hervorblitzen. Schliesslich müssen wir manchmal gerade mit diesen rauen Aspekten eines Menschen unseren Frieden finden. Sie gehören untrennbar zum Gesamtbild dazu.
3. Geschichten erzählen
Wenn ich als Trauerrednerin die Geschichten erzählen darf, mache ich das gerne. Du kannst dich auf andere Dinge konzentrieren und mir vertrauen, dass ich die Geschichten und Anekdoten unter Berücksichtigung deiner Wünsche vortrage.
Du möchtest die Geschichten selber erzählen?
Mach das! Da du selbst Teil des Lebens dieser Person warst, ist es emotional natürlich eine grosse Herausforderung, es kann dir aber auch dabei helfen, deine Trauer zu vererbeiten. Zudem kann es dein ganz persönlicher Beitrag zur Abschiedszeremonie sein.
Vielleicht könnt ihr euch auch zusammentun und die Geschichten gemeinsam im Team erzählen – zum Beispiel als Geschwister, als Kinder oder als enge Freund*innen.
Tipp: Schreib dir auf, was du sagen möchtest und gib eine Kopie des Textes der Person, die die Zeremonie gestaltet. Falls dich deine Gefühle überwältigen, kann sie nämlich einspringen und dir unter die Arme greiffen.
Und falls ich dich dabei unterstützen darf: Ich helfe dir von Herzen gerne dabei, die Geschichten zu strukturieren, den roten Faden zu finden und dich auf deine ganz persönliche Rede vorzubereiten. Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.